„Kulturstadt Köln würde besser passen“

19.01.2018: Knapp 150 Zuhörerinnen und Zuhörer bei der Auftakt-Podiumsdiskussion von Stadtsportbund und Sportjugend Köln

„Nicht überall, wo Sportstadt draufsteht, ist auch Sportstadt drin", brachte Prof. Dr. Georg Anders das Thema des Abends auf den Punkt. Es sei Tradition, sich in Köln Sportstadt zu nennen. Aber tut man dies zu Recht? Diese Frage stellte Moderator Tom Bartels den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Auftakt-Podiumsdiskussion von Stadtsportbund und Sportjugend Köln im Clubheim des KTHC Rot-Weiss Köln. Neben Peter Pfeifer (Vorsitzender des Stadtsportbundes), Dr. Agnes Klein (Dezernentin für Bildung, Jugend und Sport der Stadt Köln), Andreas Thiel (ehemaliger Handball-Nationaltorwart, stellv. Vorsitzender Sportjugend Köln) und Prof. Dr. Georg Anders (Wissenschaftler, Vorstandsmitglied Sportjugend Köln) komplettierten die Staatssekretärin für Sport und Ehrenamt des Landes NRW Andrea Milz und Dr. Christoph Niessen vom Landessportbund NRW das Podium.

Die Diskussion machte deutlich, dass an vielen Stellschrauben gedreht werden muss, um Köln zu einer echten Sportstadt zu machen. „Wir als organisierter Sport müssen zukünftig eine Einheit sein, damit wir in dieser Stadt überhaupt eine Chance haben, gehört zu werden und vorwärts zu kommen“, benannte der SSB-Vorsitzende Peter Pfeifer einen wichtigen Punkt. „Wir haben in den letzten zwei Jahren gesehen, was passiert, wenn der Stadtsportbund Köln keine starke Kraft ist“, blickte er noch einmal auf die Hallenbelegung mit Geflüchteten zurück. Der zweite schwerwiegende Punkt sei mangelnde Wertschätzung und Unterstützung seitens der Stadt Köln. Als aktuelles Beispiel nannte er die Integration Geflüchteter, wo sich der organisierte Sport erneut von der Politik im Stich gelassen fühle.

Andreas Thiel pflichtete ihm bei. Er könne nicht erkennen, dass die Breitensport-Vereine von der Stadt Köln adäquat unterstützt würden. So beispielweise bei der Sanierung von Hallen, die sich oftmals über Jahre hinzögen. „Der Breitensport und Schulsport sind die Basis, hier entwickeln sich die Sportlerinnen und Sportler - ohne Breitensport kein Leistungssport. Ich kann nicht sehen, dass dies seitens der Politik erkannt wurde. Köln ist keine Sportstadt, Kulturstadt Köln würde besser passen.“

Das betätigte auch Dr. Christoph Niessen: „Ich kann keine gezielte Sportentwicklung im Bereich des gemeinwohlorientierten Sports in Köln feststellen. Diese ist auch immer eine Frage des Wissens und des Wollens seitens der Politik.“ Man müsse verstehen, was der organisierte Sport für die Stadtgesellschaft leisten kann, eine Sportaffinität der Politikerinnen und Politiker sei da natürlich sehr hilfreich. „Ebenso wichtig ist aber auch die Einheit aller Akteure des Sports, um mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen. Diese war in Köln in der Vergangenheit nicht immer zu erkennen“, fügte der LSB-Vorstandsvorsitzende hinzu.

„Wir brauchen einen starken Stadtsportbund, der gemeinsam mit dem Sportausschuss und der Sportverwaltung Ideen entwickelt und Projekte wie die Sportentwicklungsplanung zum Erfolg führen kann", betonte Dr. Klein, die in Vertretung der Oberbürgermeisterin Henriette Reker anwesend war. „Im Vergleich zu 2016 ist der Sportetat um 10 Millionen Euro erhöht worden“ – in ihren Augen ein deutliches Signal seitens der Stadt, dass die Wertigkeit des Sports erkannt wurde. Um die Zusammenarbeit aller Akteure zu verbessern und den Prozess der Sportentwicklung aktiv voranzutreiben, sei ein Runder Tisch, wie von Dr. Niessen vorgeschlagen, eine praktikable Idee, die in den kommenden Wochen umgesetzt werden könnte.

Denn auch er bezeichnete eine partnerschaftliche Zusammenarbeit als A und O. „Sollte es noch einmal zu einer Flüchtlingswelle kommen, holen Sie den organisierten Sport mit an den Tisch", appellierte er an die Sportdezernentin. „Nutzen Sie das kreative Potential dieser Menschen, anstatt sie vor vollendete Tatsachen zu stellen. Sportlerinnen und Sportler wissen, wie man gut Lösungen schafft - das ist ihr Tagesgeschäft“, so Niessen.

Dass es auch Orte gibt, wo Sport und Politik ein ganz anderes Miteinander als  in Köln pflegen, erläuterte Prof. Georg Anders. Dies seien zum Beispiel Hamburg oder Düsseldorf, die sich seiner Meinung nach zu Recht Sportstadt nennen. In Hamburg wurde eine gemeinsame Dekaden-Strategie ausgearbeitet, in der unter dem Motto „Hamburg macht Sport“ eine verlässliche Finanzierung in den Sportförderrichtlinien – unabhängig von Regierungen – festgelegt wurde. „Und in Düsseldorf sitzen Vertreter des Sports bei Stadtentwicklungs- und Verkehrsplanung mit am Tisch. Sport ist somit integraler Bestandteil der Stadtentwicklungskonzepte. Das ist die Augenhöhe, die es braucht und die Köln vermissen lässt“, konstatierte der Wissenschaftler.

Die Weiterentwicklung und Stärkung des organisierten Sports in Köln stellt auch für Andrea Milz einen wichtigen Aspekt dar. Denn aus landespolitischer Sicht ist die Stadt Köln für eine mögliche Olympiabewerbung und auch als Standort für einen Olympiastützpunkt essentiell. „Es geht nicht ohne Köln und spätestens, wenn eine Bewerbung für Olympische und Paralympische Spiele im Raum steht, muss der Sport hier in Köln zur Chefsache gemacht werden“, sagte die Staatssekretärin. An der Idee der Olympischen und Paralympischen Spiele an Rhein und Ruhr gefalle ihr, dass langfristig auch der Breitensport von den geschaffenen Sportstätten und der Infrastruktur profitiere.

Auf der Seite der SPORT LOUNGE KÖLN gibt es die Diskussion noch einmal als Podcast zum Anhören