„Bildung im und durch Sport ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“

13.04.2018: Gäste aus Sport, Bildung und Politik diskutierten bei Rot-Weiss Köln mit Moderator Tom Bartels

Die zweite Podiumsdiskussion des Stadtsportbundes und der Sportjugend Köln stand unter dem Motto „Sport ist Bildung – erstklassig oder zweitrangig?“.
Dass dies ein breites Themenfeld ist und der Sport vielfältig auf den Menschen wirkt, verdeutlichte Prof. Dr. Bernd Gröben von der Universität Bielefeld in seinem Impulsvortrag. „Aus sportwissenschaftlicher Sicht bietet der Sport spezifische Anlässe für Bildung und Erziehung“, führte er aus. Unlängst hätten Untersuchungen positive Wirkungen auf körperlicher, psychosozialer, integrativer sowie kulturell-ästhetischer Ebene bestätigt. Damit diese Effekte aber überhaupt möglich würden, bedürfe es der Förderung von Partizipationsmöglichkeiten – und diese wiederum benötigten adäquate inhaltliche Konzepte, qualifizierte Akteure und Ressourcen. „Die Ermöglichung von Bildung im und durch Sport ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, resümierte Gröben. Hier schloss sich das Podium mit Moderator Tom Bartels und Gästen aus Sport, Bildung und Politik an: Susanne Blasberg-Bense (Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen), Dr. Agnes Klein (Dezernentin für Bildung, Jugend und Sport der Stadt Köln), Wolfgang Jost (Vorstand des SportBildungswerkes des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen e.V.), Peter Rücker (Stellvertretender Vorsitzender Stadtsportbund Köln) sowie Helmut Schaefer (Vorsitzender Sportjugend Köln).

Verlässlichkeit, Zielstrebigkeit oder Durchsetzungsfähigkeit – all das lernt man beim Sport, zeigte Wolfgang Jost anhand einiger Zitate aus der LSB-Kampagne #beimsportgelernt auf. „Bildung findet dabei ein Leben lang und in allen Phasen statt“, sagt er. Der Sport helfe dabei, die eigene Position zu finden und sein Leben aktiv und selbstbestimmt leben zu können.

„Bewegung ist ein wichtiger Teil einer ganzheitlichen Bildung der Schülerinnen und Schüler“, verdeutlichte Susanne Blasberg-Bense auch die besondere Bedeutung in der Bildungskette. „Natürlich steht der Sport in Konkurrenz zu anderen wichtigen Bildungsthemen, im Endeffekt befinden wir uns aber mit vielen Partnern in einer Verantwortungsgemeinschaft für die Bildung unserer Kinder.“ Kognitives Lernen werde in hohem Maße durch Bewegung unterstützt, daher sollten Bewegungselemente und Sport mit in den Schulalltag eingebunden werden. „Durch die Einführung des offenen Ganztages wurde es nötig, dass die Vereine zu den Bildungsträgern kommen“, ergänzte Helmut Schaefer. Dieses Handlungsfeld böte neben großen Herausforderungen auch eine Menge Potential. Die Sportvereine könnten beispielsweise die Trägerschaft im offenen Ganztag übernehmen und so eine neue Rolle über den klassischen Sportverein hinaus annehmen.
Dabei schaffen der Stadtsportbund und die Sportjugend mit ihren Qualifizierungsmöglichkeiten eine wichtige Grundlage. „Rund 3.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben wir im vergangenen Jahr qualifiziert“, zeigte Peter Rücker die Größenordnung auf. „Diese sind dann sehr gut auf ihre Tätigkeit in Schule und Verein vorbereitet.“

Wie aber kann es gelingen, die Kinder trotz begrenzter Zeitressourcen für den Sport oder eine bestimmte Sportart zu begeistern? Wolfgang Jost führte Modellprojekte aus anderen Städten auf, die für die Förderung der motorischen Fähigkeiten und den Eintritt in einen Sportverein erfolgreich waren: „In Jülich zum Beispiel haben die Kinder nach motorischen Tests eine qualifizierte Rückmeldung mit einer Empfehlung für einen bestimmten Sportverein erhalten, von denen 97% auch in diesem Verein angekommen sind.“ Ein Modell auch für Köln? „Ich sehe hier keine Übertragbarkeit auf die Millionenstadt Köln, da muss man realistisch sein“, so Dr. Klein. Vielmehr sei es der Weg, die Einrichtungen und Schulen zu unterstützen und zu fördern, die mehr Bewegung in den Schulalltag integrieren wollen. Jede Schule habe eine individuelle Bedarfslage, die sich je nach SchülerInnen und Sozialraum ergebe.

Der Zugang zu Sportangeboten stellte auch für Susanne Blasberg-Bense einen entscheidenden Punkt dar: „Flüchtlingskinder haben beispielsweise keinen leichten Zugang zu Vereinen. Da bietet der offene Ganztag eine große Chance, Berührungsängste abzubauen, indem niedrigschwellige Bewegungsangebote gemacht werden.“ An diesem Punkt setzt auch die Übungsleiter-C-Tandem-Ausbildung des Stadtsportbundes Köln an, bei der Geflüchtete und KölnerInnen gemeinsam in Teams zu ÜbungsleiterInnen ausgebildet werden. „Auch hier wird der Bildungsaspekt unserer Arbeit deutlich, der weit über die eigentliche Sportausübung hinausgeht“, betonte Peter Rücker.

Für alle diese Angebote aber muss es Bewegungsräume geben. „Auch wenn die Zusammenarbeit mit der Stadt Köln generell sehr gut läuft, gibt es durchaus noch Luft nach oben – insbesondere im Hinblick auf die Infrastruktur“, sagte Helmut Schaefer. Es müssten ausreichend Bewegungsräume geschaffen werden, die den Anforderungen genügten – sonst bliebe die Bewegung auf der Strecke. Dies sei derzeit bei vielen Kitas und Schulturnhallen so, wo schlichtweg aufgrund schlechter Ausstattung oder wegen Platzmangels kein attraktives Angebot möglich sei. Dieser Zustand der Schulturnhallen ist Teil der Sportentwicklungsplanung, an der sich, so Dr. Klein, erfreulich viele Schulen beteiligt hätten. Und auch bei der Schulplanung der Stadt Köln spielten der Neubau von Hallen eine wichtige Rolle – Hallen, von denen dann auch die Vereine profitieren können. Durch den stetigen Ausbau der Kooperation zwischen Schulen und Vereinen weichen die Grenzen zwischen schulischen und außerschulischen Angeboten weiter auf. Mittlerweile gibt es, laut Helmut Schaefer, deutlich über 1.000 Sportangebote im offenen Ganztag. „Die Richtung ist vorgegeben – der offene Ganztag soll weiter ausgebaut werden. Dies ist eine große Chance für den Sport.“

Das bestätigte auch Susanne Blasberg-Bense: „Wir müssen gemeinsame Aufgaben definieren und uns Ziele setzen. Der Sport wird dabei eine große Rolle spielen.“ Die Konstruktion von verschiedenen Angeboten für alle Zielgruppen muss, laut Prof. Gröben, ein Ziel davon sein. „Sport bildet informell – niemand geht in den Sportverein, weil er dort Bildung sucht. Hier liegt auch das Potential für die Zukunft: Der Sport kann nahezu jeden erreichen“, resümierte er.