"Sollte das Dieselfahrverbot in Städten kommen, dann sind die Kanuvereine sehr eingeschränkt"

14.03.2019: Brigitte Verhoef, Vorsitzende vom KanuKreisKöln und Geschäftsführerin des Kölner Vereins für Wassersport Blau-Weiss Köln, im Interview

Foto: privat

Frau Verhoef, Sie sind Vorsitzende vom KanuKreisKöln und Geschäftsführerin des Kölner Vereins für Wassersport Blau-Weiss Köln – ist Köln eine „kanufreundliche“ Stadt?
Das kann man schon sagen. Wir haben hier in Köln ungefähr 2.000 Sportlerinnen und Sportler in 16 Vereinen, die jeweils zwischen 50 und 250 Mitgliedern haben. Der Kanusport ist ja sehr vielseitig, so gibt es als Wettkampfsportarten zum Beispiel Kanuslalom, Kanurennsport und Wildwasserrennsport sowie Kanupolo. In fünf Vereinen wird aktiv Wildwasserrennsport betrieben, Kanuslalom nur noch in einem. Hinzu kommt der Breitensport, der in allen Kölner Vereinen eine große Rolle spielt.

Wenn man an Wasser und Köln denkt, denkt man direkt an den Rhein…
Der Rhein ist sicher ein großer Vorteil, den wir in Köln haben. Wir können ganzjährig trainieren, während andere Vereine, z.B. in Hamburg oder Fulda, das Problem haben, dass Gewässer zugefroren sind. Hinzu kommt, dass es auf vielen Flüssen immer größere Einschränkungen gibt und oder Flüsse aus Umweltgründen sogar ganz gesperrt werden. In Deutschland sind es weit über 100, die wir nicht befahren dürfen. Hier in der Gegend sind die Einschränkungen bis auf Tages- oder Jahreszeiten eher gering. Das ist sicher auch einer der Gründe, warum so viele erfolgreiche Kanusportler aus Köln kommen.  

Klingt nach guten Bedingungen für den Kanusport in Köln?
Viele Vereine müssen nur ihr Boot nehmen, es auf den Rhein setzen und können lospaddeln. Hinzu kommen noch der Fühlinger See und einige kleinere umliegende Flüsse, wie Sülz, Agger oder Sieg, auf denen die Breitensportler unterwegs sind. Auf dem Fühlinger See soll jetzt auch das provisorische Kanupolo-Feld in ein professionelles umgewandelt werden. Es freut uns sehr, dass diese Sportart in Köln gestärkt wird und somit die Chance hat, populärer zu werden – Kanupolo ist nämlich auch wirklich ein interessanter Sport und seit 2019 bei den World Games dabei.

Und wie ist die Unterstützung seitens der Stadt Köln?
Hier muss man differenzieren. Unsere Zusammenarbeit mit dem Sportamt ist sehr gut. Von den Verantwortlichen dort kam auch die Initiative für das Kanupolo-Feld am Fühlinger See. Im Sportamt hat man immer ein offenes Ohr für uns, wir bekommen Anerkennung für unsere Sportart und für unsere Arbeit. Diese Wertschätzung vermissen wir, wie viele andere Sport-Vereine auch, beim Rest der Verwaltung – und vor allen Dingen in der Kölner Politik. Bekanntlich fördern Sportvereine über den Sport hinaus ja auch viele andere Dinge wie Gemeinschaftsgefühl, Fairplay oder Respekt. Beim Kanu zum Beispiel sind wir auf dem Fluss immer aufeinander angewiesen. Wenn jemand ein Problem hat, dann helfen ihm andere. Kinder und Jugendliche lernen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Das ist ein großer Verdienst vieler Sportvereine und das wird heute gesellschaftspolitisch – auch in Köln – viel zu wenig anerkannt.

Zeigt sich das auch finanziell?
Man muss ganz klar sagen, dass viele Vereine ohne die Zuschüsse vom Sportamt nicht überleben könnten. Diese benötigen wir zum Beispiel für unser Material, das einem großen Verschleiß ausgesetzt ist – ein Boot kostet um die 2.000 Euro. Und wir müssen jedes Jahr unzählige neue Paddel anschaffen, da diese schnell brechen. Kinder, die in den Vereinen mit dem Kanusport beginnen, bekommen das Material gestellt, bis sie fest dabei sind.
Wenn wir diese Zuschüsse nicht bekommen würden, müssten unsere Mitglieder das alles selbst finanzieren – daher sind wir dafür auch sehr dankbar. Aber wenn ich sehe, wie viele Millionen für einen kleinen, elitären Kreis für die Oper ausgegeben werden und wie wenig für den großen Kreis der Sportlerinnen und Sportler im Kanusport und in anderen Sportarten – da sollte man mal Zahlen gegenüberstellen. Das ist schon ein ganz wunder Punkt für uns Ehrenamtliche und Vereine.

Welche Posten belasten die Vereine finanziell am meisten?
Viele Vereine haben ein Bootshaus oder ein Vereinsgelände zu finanzieren. Und wir müssen zu unseren Wettkämpfen und Kanu-Wandertouren oft weit reisen, zum Beispiel nach Slowenien, Spanien oder Tschechien. Dorthin fahren wir mit Vereinsbussen, die ebenfalls angeschafft und finanziert werden müssen. Und – jetzt kommt ein weiteres Problem – das sind ja alles Dieselfahrzeuge. Sollte das Dieselfahrverbot in Städten kommen, dann sind wir und auch alle anderen Kanuvereine sehr eingeschränkt und können einige Wettkampfstätten nicht erreichen. Im September z.B. wird ein Wettkampf an der Deutzer Brücke stattfinden, das ist dann schon in der Umweltzone… ein riesen Problem, das da auf die Vereine zukommen könnte.

Gibt es andere Finanzierungs-Möglichkeiten für Sie?
Sponsoren in unserer Sportart zu finden, ist nicht unmöglich, aber fast. Obwohl viele international erfolgreiche Sportler aus Kölner Vereinen hervorgegangen sind, ist Kanu eine absolute Randsportart, auch in den Kölner Medien. Und ohne öffentliches Interesse ist es schwer, Geldgeber zu finden.
Natürlich könnten wir die Beiträge erhöhen, aber die sind in allen Kanuvereinen ähnlich günstig, weil wir gerne alle Kinder und Jugendlichen ansprechen möchten – nicht nur die, deren Eltern viel Geld haben. Wir wollen ja Kinder im Verein haben, die Spaß am Kanusport haben, und nicht nur die „Elite“.
Die Kinder haben heutzutage eine Fülle an Freizeit-Angeboten  – man muss sie abholen und ihnen etwas bieten. Das geht aber nur, wenn man genügend Übungsleiter findet, die sich engagieren. Ich habe das Gefühl, der Wille zur ehrenamtlichen Tätigkeit ist bei vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht mehr so ausgeprägt.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Generell habe ich das Gefühl, dass ehrenamtliche Arbeit eher von oben herab gesehen wird. Es ist nicht cool, nicht attraktiv ein Ehrenamt zu betreiben. Unsere Übungsleiter bekommen zwar einen kleinen Betrag, aber die Vereine sind nicht in der Lage, große Summen zu zahlen. So wird es für uns immer schwieriger, TrainerInnen zu finden, die sich an mehreren Tagen in der Woche mit den Kindern und Jugendlichen beschäftigen. Der Kanucub Zugvogel in Porz musste deshalb seine Slalomabteilung schließen. Das ist ja auch schon etwas zeitaufwändiger – man muss mit Herzblut dabei sein.
In Köln wird das Thema „Ehrenamt“ zwar in vielen Bereichen angesprochen, aber da ist durchaus noch viel Luft nach oben. Ein Beispiel: Die Ehrenamtskarte können nur Kölner Bürger beantragen – ich würde keine bekommen, obwohl in einem Kölner Verein tätig bin, denn ich wohne in Frechen. Das halte ich für verbesserungswürdig.

Die Kanusportfreunde Köln e.V. warten seit langer Zeit drauf, dass sie zurück in ihre Vereinsräume können, sind seit sieben Jahren in Containern untergebracht – sind Ihnen ähnliche Fälle aus Köln bekannt?
Nein, das ist wirklich ein beispielloser Fall. Mein Schwager ist Vorsitzender des Vereins, ein erfolgreicher Verein mit tollen Sportlern. So etwas darf einfach nicht wahr sein, ein Ping-Pong-Spiel zwischen Brückenamt, Sportamt und Politik. Die Kosten sind u.a. wegen der veränderten Brandschutzbedingungen in all den Jahren explodiert. Der Verein soll einen Prozentsatz tragen. Dieser ist aber mittlerweile so hoch, dass sie das nicht mehr finanzieren können. Das Brückenamt, das für den Verzug verantwortlich ist, sträubt sich, die Kosten zu tragen und sagt, dass Sportamt sei zuständig, weil es sich um einen Sportverein handelt. Die wiederum sehen das Brückenamt verantwortlich. Also meiner Ansicht nach ist das kein finanzieller Posten, der das Sportamt betreffen würde.
Wenn man nicht so einen langen Atem wie mein Schwager hat, dann kann das einen Verein kaputt machen. Das ist wirklich ein Trauerspiel. Ich bin gespannt, wie und wann dieser Fall gelöst wird.