"Wir arbeiten an einem Online-Belegungsmanagement"

28.01.2019: "Nachgefragt": Sportamtsleiter Gregor Timmer im Interview

Foto: Sportamt der Stadt Köln

Herr Timmer, seit einem Jahr sind Sie Sportamtsleiter der Stadt Köln –  wie erleben Sie die Wahrnehmung des organisierten Sports in Köln?
Da ist aus meiner Sicht noch Luft nach oben. Im Vergleich der städtischen Handlungsfelder kommt der organisierte Sport weiterhin zu kurz. Nach einer aktuellen Untersuchung im Rahmen der Sportentwicklungsplanung macht allein das ehrenamtliche Engagement, das in den Kölner Sportvereinen geleistet wird, einen rechnerischen Wert von rund 410 Millionen Euro aus. Diese immense Leistung für die Stadtgesellschaft, insbesondere in den Bereichen Kinder- und Jugendarbeit, Integration und Inklusion, wird noch zu wenig gewürdigt. Der Sport ist ein unverzichtbarer Baustein für das Erleben von gesellschaftlichem Zusammenhalt, für das Erlernen von Fair Play, Verlässlichkeit, Leistungswillen und gegenseitigem Respekt. Dass der organisierte Sport in den vergangenen Jahren in Köln nicht seiner gesellschaftlichen Leistung entsprechend wahrgenommen wurde, lag vielleicht auch an seiner internen Verfassung. Da standen oft sehr unterschiedliche Einzelinteressen im Fokus. Aber ich sehe deutliche Zeichen einer Trendwende. Mit einer geeinten Interessenvertretung unter dem Dach eines gut aufgestellten Stadtsportbundes, der eng und vertrauensvoll mit der Sportverwaltung zusammenarbeitet, sollte es gelingen, dem organisierten Sport in Köln mehr Gehör zu verschaffen.

Welche angestoßenen/ umgesetzten Projekte empfinden Sie als besonders wichtig für den vereinsgebundenen und -ungebundenen Sport in der Stadt Köln?
Das Sportverhalten vieler Menschen hat sich geändert. Sport wird häufig individuell ausgeübt. Ob beim Laufen im Park, beim Workout an bestimmten Fitness-Treffpunkten oder im Sportstudio, beim Yoga oder beim sportlichen Radfahren in kleiner Gruppe. Rund 660.000 Menschen in unserer Stadt zählen zum Kreis der so genannten Individualsportler, und die Tendenz nimmt zu. Gleichzeitig sind rund 250.000 Kölnerinnen und Kölner in den mehr als 770 Sportvereinen aktiv. Gerade bei kleineren Vereinen gibt es Existenzängste. Deshalb müssen beide Entwicklungen ernstgenommen, und idealerweise in Beziehung gebracht werden. Etwa durch Angebote, bei denen erfahrene Übungsleiter aus den Sportvereinen neue Angebote für Individualsportler leiten können und diese Sportinteressierten so mit den Vereinen in Kontakt kommen und sich möglicherweise dort langfristig engagieren. Diese Win-Win-Situation ist ganz wichtig.

Ein sehr kurzfristig realisiertes Projekt ist das kostenlose Sportangebot „SUNDAACH AKTIV“, bei dem viele Akteure ihre Kompetenzen bündeln. Werten Sie das auch als ein Zeichen für eine sich neu formierende Einheit für den Kölner Sport?
Diese Initiative, die nach einer Idee verschiedener Vereine vom Stadtsportbund entwickelt wurde und vom Sportamt finanziert wird, setzt genau diesen Ansatz in die Wirklichkeit um. Dieses kostenlose und offene Angebot nimmt schon die Überlegungen aus der Sportentwicklungsplanung auf, Räume für den Sport zu öffnen und noch mehr Menschen in Bewegung zu bringen. Und das mit Einbindung unserer Vereine. Angesprochen werden vor allem Kinder und ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger.  Das ist für mich ein Projekt, das Kreise ziehen wird. Die ersten Rückmeldungen stimmen hoffnungsvoll.

Wie zufrieden sind Sie mit dem derzeitigen Stand der Sportentwicklungsplanung?
Die Erstellung des Gutachtens durch das Expertenteam ist abgeschlossen, die Expertise geht nun zur Beratung in die Politik. Sie ist aus meiner Sicht ein sehr guter Kompass für die Weiterentwicklung des Sports in unserer Stadt in den kommenden Jahren. Aber schon jetzt ist der gesamte Prozess ein Riesengewinn. Er hat nicht nur dazu geführt dass die Verwaltung in Sachen Sport intersektoral und interdisziplinär stärker zusammenarbeitet, sondern auch die Verbindung zum Stadtsportbund und den Vereinen viel stärker geworden ist. Wenn wir es durch die Sportentwicklungsplanung schaffen, für den Kölner Sport gemeinsam aktiv zu werden und uns nicht von Einzelinteressen leiten lassen, dann sind wir auf dem Weg zur wirklichen Sportstadt.

Derzeit bewegt sich einiges im Sport in Köln; viele Vereine beschäftigt allerdings nach wie vor die Hallenproblematik – konkret die Sanierung von Hallen und die Vergabe von Hallenzeiten. Was sagen Sie Vereinen, die seit Monaten darauf warten, dass sie Ihre Halle wieder nutzen können?
Der Sportraum ist für die Vereine ein unverzichtbares Gut. Dass es dann zu Problemen kommt, wenn diese nicht nutzbar sind, ist klar, im Falle einer notwendigen Sanierung aber auch unausweichlich. Aus den Ergebnissen der Sportentwicklungsplanung wissen wir, dass die Vereine keineswegs immer neue Hallen fordern, sondern vielmehr den Wunsch haben, die bestehenden Hallen in einen besseren Zustand zu bringen. Greift man das auf, werden Sanierungen und Sperrungen die logische Folge sein. Im Hinblick auf die Vergabe von Hallenzeiten arbeiten wir an einem Online-Belegungsmanagement. Dies wird zu einer hohen Transparenz führen. Wir werden sehen können, ob und wie die Hallen konkret belegt sind und wo Freiräume bestehen. Dabei werden wir uns auch darüber unterhalten müssen, Schwerpunkt-Hallen zu bilden und Belegungen anzupassen. Ein theoretisches Beispiel: Ein Verein, der seit 20 Jahren in einer Halle Tischtennis spielt, muss dies nicht zwingend in einer Dreifach-Halle tun. Wenn wir das im Sinne Aller ernsthaft angehen, wird man an Verschiebungen – auch über Stadtbezirke hinaus – und Optimierungen nicht vorbeikommen.

Die Zuständigkeit bei Hallensanierungen liegt ja bei der Gebäudewirtschaft. (Wie) ist das Sportamt bzw. die Sportsachbearbeiter in die Kommunikation eingebunden? Wo sehen Sie ggf. Optimierungsbedarf?
Ich weiß aus der alltäglichen Arbeit, dass die Sportsachbearbeiterinnen und Sportsachbearbeiter in den Bezirken alles geben, um Lösungen für Vereine zu finden, die vor Problemen stehen.

Viele Vereine klagen über zu wenige Hallenzeiten, die Kölner Bevölkerungszahl wächst weiter – wie könnte diese Problematik langfristig gelöst werden?
Hier gibt es aus meiner Sicht zwei Lösungsansätze, die uns gemeinsam verzahnen wollen. Der eine ist – wie bereits dargestellt -, vorhandene Halleninfrastruktur zu sanieren und dadurch besser nutzbar zu machen. Der andere bietet sich durch die  Schulentwicklung. In unserer wachsenden Stadt müssen 40 neue Schulen entstehen, und alle bekommen neue Sporthallen. Da wird es wichtig sein, die Bedarfe des Vereinssport rechtzeitig einzuspeisen. Das haben wir uns mit den Kolleginnen und Kollegen des Amtes für Schulentwicklung fest vorgenommen.

Was würden Sie sich von den Vereinen in der Zusammenarbeit wünschen?
Vor allem einen konstruktiven Austausch und den Willen gemeinsam wenn nötig auch einen langen Atem zu beweisen. Nicht alle objektiv erforderlichen Dinge lassen sich sofort realisieren, hier müssen wir im Rahmen unserer Möglichkeiten weiterentwickeln.

Was sehen Sie als größte Herausforderungen für den Kölner Sport in diesem Jahr?
Ich könnte jetzt sagen: Den Aufstieg des 1. FC Köln. Aber nein, jetzt mal ernst. Für dieses Jahr wird es für uns wichtig sein, die begonnene Zusammenarbeit auf allen Ebenen zu konsolidieren, die Empfehlungen aus der Sportentwicklungsplanung zu priorisieren und mit der Umsetzung der Modellprojekte zu beginnen. Daneben  sind wichtige Schritte für Großprojekte, wie etwa die Neugestaltung des Sportparks Süd zu tun. Doch genauso wichtig ist es, dass der Kölner Sport Zielkonflikte überwindet und verstärkt mit einer Stimme spricht. Da ist die Kultur, die hinsichtlich des Budgets von außen immer gerne als Vergleich herangezogen wird, dem Sport deutlich voraus.